Samstag, 26. Februar 2011

Sagt mir, wo die Frauen sind

Bei den Online Marketing Rockstars in Hamburg ist mir der Kragen geplatzt. Dabei versuche ich ja immer, mich nicht zu ärgern und schon gar nicht außerhalb des Büros. Eine schöne Veranstaltung, keine Frage. Hochkarätig besetzt. 31 Referenten - darunter keine Frau. Dabei ist es nicht so, dass das Thema die Frauen nicht interessiert: Im Publikum war ungefähr ein Drittel weiblich.

Dem Programmverantwortlichen war das nicht aufgefallen, aber den Zuhörern. Eine Frau hat in einer Diskussionsrunde gefragt "ob es in der Szene auch weibliche Vorbilder gibt, nachdem keine Frau auf dem Podium ist". Der erste Referent sagte was von "da müsste ich mal überlegen, auf Anhieb fällt mir keine eine", der zweite "eBay in den USA hatte mal eine Chefin, aber die konnte nichts" und der dritte "ich habe eine Agentur, da arbeiten ganz viele Frauen". Die Fragestellerin ist dann gegangen.

Warum treten in der Internetwirtschaft so wenige Frauen als Rednerinnen in Erscheinung? Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze:

These 1: Frauen wollen nicht sprechen.
Frauen haben kein Interesse daran, im Rampenlicht zu stehen, es ist ihnen zu anstrengend. In diese Richtung argumentiert die ehemalige taz-Chefredakteurin Bascha Mika in ihrem Buch "Die Feigheit der Frauen": Frauen seien einfach zu bequem. Veranstalter berichten, dass angefragte Referentinnen öfter absagen als ihre männlichen Kollegen.

These 2: Männer wollen sprechen
Der Chef, das ist in vielen Fällen ein Mann. Gerade in unserer Branche, in der viele Firmen inhabergeführt sind. Die öffentlichen Auftritte übernimmt er selbst, es ist schließlich seine Firma.

These 3: Es liegt an den Strukturen
In der Internetwirtschaft arbeiten mehr Männer als Frauen, sie kennen sich und empfehlen sich weiter. So sind zum Beispiel alle Fachgruppenleiter des Branchenverbands BVDW männlich. Als Sprecher werden diejenigen angefragt, die schon Erfahrung vorweisen können. Und so bleiben die Herren auf dem Podium unter sich.

Bei Veranstaltungen habe ich nie das Gefühl, dass Männer unter sich bleiben wollen - im Gegenteil. Sie freuen sich über weibliche Gesprächspartner (auch wenn das lustig aussehen kann, wie bei der Social Media Conference in Hamburg).

Es ist mir klar, dass man in einer Männer dominierten Branche die Podien nicht paritätisch besetzen kann. Aber ähnlich viele Frauen auf dem Podium wie im Publikum - das ist ein realistischer Anspruch.

Ich freue mich auf Kommentare.

Kommentare:

  1. Ein Thema, das mich schon lange interessiert und ein Problem, das sich ja auch nicht nur auf diese, unsere Branche bezieht, sondern in allen Bereichen von Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft auftritt. Eine Frauenquote ist mir, ehrlich gesagt, fast schon peinlich. Ein bisschen so etwas wie ein Trostpreis: Da wird dann das hässliche Entlein doch eben noch mit nach vorne an die Rampe gestellt. Nein, das haben wir nicht nötig!
    Die Gründe, die du nennst, sind sicher alle nicht von der Hand zu weisen. Mir fehlt noch ein weiterer Aspekt: die Nachfrage aus dem Publikum. Auch dort sitzen vorwiegend Männer. Wen wollen DIE sehen/hören? Ihresgleichen? Werden Frauen vielleicht insgesamt immer noch unter "aber die konnte nichts" abgeschrieben? Dann müsste man wohl gesamtgesellschaftlich ran und nicht nur branchenintern. Viel Spaß bei der Neusozialisation ;-)

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  2. Meiner Meinung nach gibt es mehrere Gründe:
    - Die Veranstalter fragen seltener Frauen - wie oben gesagt, es ist ihnen nicht mal aufgefallen
    - Frauen werden dann gerne zu "Frauenthemen" etc. eingeladen und nicht als generelle Experten
    - In der Internet-Branche tun sich vor allem Männer "auffällig" hervor, so dass sie öfter im Kopf bleiben und dann eben als Experten erinnert werden - da gehört aber auch viel Pose dazu, und viele Frauen wollen sich so nicht benehmen. Aber deswegen: es gibt einfach kein weibliches Pendant zu Sascha Lobo, darum sitzt halt immer die gleiche Frisur bei Anne Will und spricht da als Internet-Experte.

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  3. Es gibt sicherlich geschlechtsspezifische Themen, die Maenner fuer sich beanspruchen, "besser" beurteilen zu koennen.

    Beispiele: Tiefergelegte Kotfluegel, die Leistung der deutschen Nationalmannschaft, die Trinkfestigkeit unter Freunden, die eigenen Fahrkuenste unter Alkoholeinfluss, die Faehigkeit immer Alles richtig zu machen, Gorch Fock.

    Frauen, vor allem solche, die schon einiges an Lebenserfahrung hinter sich haben, draengen sich nicht so sehr in den Vordergrund.

    Die Zeit der Frauen kommt ja erst noch, da viele Jobs nichts mehr mit reiner Kraft und koerperlicher Ausdauer zu tun haben, sondern mit den geeigneten Hilfsmitteln (Maennern) und Kopf erledigt werden muessen.

    Mit anderen Wort: Haben die Frauen den politischen Willen, die Maenner von den Podien zu verdraengen, und in die Kueche einzusperren?

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  4. Wenn 50 Prozent des Publikums weiblich sind, ist die zu männliche Besetzung der Podien ein schwerer Ausnahmenfehler. Die Veranstalter sind gefragt. Sie müssen die Schere im Kopf entfernen. Beim BIENE-Wettbewerb der Aktions Mensch und der Stiftung Digitale Chancen besetzen wir die Jury seit 2003 mindestens paritätisch: http://www.einfach-fuer-alle.de/award2003/

    Das Interessante daran: Die Männer in der Jury merken das nicht, sind engagiert wie immer, die Unterrepräsentation von Frauen ist also in vielen Fällen weniger bewusst Methode als dem freundlichen Desinteresse geschuldet.

    Darüber hinaus greift auch die Frage nach einer Frauenquote zu kurz. Eine an der Wirklichkeit orientierte Besetzung von Gremien muss anders formuliert sein. Wie wäre es mit:

    50 Prozent sollten nicht mittelalte weiße Männer sein!?

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  5. Ich persönlich tendiere zur 1. These. Jedoch finde ich nicht, dass Frauen nicht in der Öffentlichkeit reden wollen, weil sie zu bequem sind, sondern weil sie nicht so selbstdarstellerisch sind. Auch wenn Vorträge dem Referenten sicherlich etwas bringen, in erster Linie ists ja schon Selbstdarstellung und PR (ggf. für die eigene Firma). Und da muss man schon einen gewissen egozentrischen Killer-Instinkt haben, um sich auf der Bühne und in der Öffentlichkeit zu beweisen!

    Könnte eventuell auch eine Begründung für die öfter auftretenden Absagen sein - andere Dinge scheinen da gerade wichtiger zu sein.

    Interessant fand ich auch eine Meinung dazu, die ich kürzlich gehört habe: Frauen können auch nicht unbedingt so interessant und unterhaltsam reden oder präsentieren, weil sie selten eindeutig kritisch und somit weniger provokant sind. Frauen sind eher auf Konsens aus und drücken alles ein bisschen vorsichiger, diplomatischer aus, was gleichzeitig einfach nicht so unterhaltsam und aufsehenerregend ist. Vielleicht setzen sich Frauen deswegen auch seltener als Referent durch bzw. werden seltener gebucht?!

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  6. Ich arbeite in einem Softwareunternehmen. Hab genau wie meine überwiegend männlichen Kollegen mit hochkomplexer Software zu tun, die wir alle aus dem FF kennen und beherrschen müssen. Die Betonung liegt auf "wir alle". Wir sind alle Experten auf diesem Gebiet.

    Wenn ich aber sehe, wie sich meine männlichen Kollegen tagtäglich in Szene setzen, wie sie sich ständig versuchen zu übertrumpfen und wie sie nach jeder Gelegenheit geifern, sich Darstellen zu können... ja, dann lehne ich mich zurück und denke: bei so einem Scheiß will ich irgendwie nicht mitmachen. Ich scheue mich nicht vor Diskussionen und auch nicht vor Vorträgen, aber solche Spielchen turnen mich komplett ab.

    Vielleicht fehlt mir die nötige Profilneurose, keine Ahnung.

    Aber mir ist das echt zu doof, bei diesem männlichen Machtgerangel mitzuspielen.

    Es wird Zeit, dass Frauen nicht länger versuchen, sich dahingehend anzupassen. Wir haben enorme weibliche Potentiale und sollten sie selbstbewußter zeigen und einsetzen!

    Und was Männer betrifft: dreht euch nicht immer nur um euch selbst! Macht mal die Augen auf und seht euch die weiblichen Qualitäten um euch herum genauer an! Schaltet dabei euer Konkurrenzdenken einfach mal aus und setzt euch zum Ziel, GEMEINSAM zu besten Lösungen und Ergebnissen zu kommen!*

    Ich glaube, wenn wir das erreichen, dann sähe die ganze Welt schon ein klein wenig besser aus!

    *gilt für Männer mit ausgeprägten Profilneurosen

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  7. Interessante Frage. Frauen sind vermtl. mehr sach- als repräsentationsbezogen, vielleicht fehlt ihnen das Revierverhalten. Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass Veranstalter ganz froh sind, wenn auch mal eine Frau auf dem Podium sitzt.

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  8. Ich glaube nicht, dass das per se "nicht klappt" - ich kenne halt auch wenige Frauen, die sich entsprechend ins Rampenlicht drängen. Für ein Speaking Engagement ist ja definitiv auch eine entsprechende Eigeninitiative notwendig.

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  9. Frauen wollen nicht sprechen: Das sehe ich etwas anders. Frauen wollen sprechen. Aber sie werden viel zu selten angefragt. Es kann daran liegen, dass Frauen zu wenig an ihrer Reputation arbeiten und deshalb bei Eventveranstaltern nicht gelistet sind. Mein Tipp: Frauen, baut Eure Reputation als Speaker auf. Zeigt, welche Themen ihr besetzen könnt und meldet Euch mit eindeutigen Statements in Kommentaren und in Blogs zu Euren Themen. Wenn Ihr etwas zu sagen habt, dann registriert Euch als Sprecher zum Beispiel bei der Women Speaker Foundation listen.

    Männer wollen sprechen: Richtig, aber auch nicht alle Männer drängeln sich in den Vordergrund. Vielleicht hilft es, wenn im Unternehmen nachgeforscht wird, ob der angefragte „Mann“ tatsächlich sprechen oder ob er vielleicht lieber diesen Job abgeben möchte. Auf Veranstaltungen zu sprechen liegt nicht jedem und ich finde, dass man dies auch vielen Männern anmerkt. Eine offene Diskussion, ob derjenige der angefragt wurde, tatsächlich sprechen möchte, muss erlaubt sein. Und Männer sollten ehrlich antworten dürfen.

    Punkt 3: Es liegt an den Strukturen. In der Internetwirtschaft arbeiten mehr Männer als Frauen. Komischerweise arbeiten in der Kreativwirtschaft mehr Frauen als Männer, aber dennoch finden sich auf den Podien immer noch mehr Männer als Frauen. Dass jedoch im BVDW keine einzige Frau als Fachgruppenleiter zu finden ist, stimmt mich nachdenklich.

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  10. Für mich ist es eindeutig ein Versäumnis der Veranstalter - und deshalb ist es gut es immer wieder einzufordern und es öffentlich zu machen. Vielleicht landet es dann irgendwann in ihren Köpfen.

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  11. Hilfe zur Selbsthilfe. http://geekspeakr.com/what-geekspeakr-com

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  12. Das größte Problem der Frau ist ihre Unbewusstheit zu sich selbst. Frau sitzt immer noch in Talkshows und feiert allen Ernstes eine Hormonpille der Pharma als seine sexuelle Befreiung! Frau fordert Frauenquoten, obwohl in anderen Ländern, entgegen anderer Verlautbarung, es wenig bringt. Man bekommt die Quoten nicht voll! Gleicher Lohn? Warum nicht mehr? Gleichheit hin zum Mann gedacht, keinen Unterschied gemacht: http://djdeutschland.wordpress.com/2011/02/02/frau-in-fuhrungsposition-2/

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  13. Ich denke, dass sich das mit der Zeit noch sehr groß ändern wird und die Frauen viel mehr zeigen, was sie können und von den Klischees abweichen.

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